Always straight-forward: Der neue Lunatics-Song Disguise

  Über die Lunatics aus Berlin waren die Nachrichten in letzter Zeit eher besorgniserregend gewesen: Man hörte von immer unregelmäßigeren Proben, die Stimmung zwischen den Band-Mitgliedern sei sehr unausgeglichen, was noch harmlos ausgedrückt ist. Der unfaire Rausschmiss aus dem Song-Contest vor einem Jahr hatte die Band anscheinend aus der Bahn geworfen, und lange Zeit schien nichts darauf hinzudeuten, wie die Musiker aus dieser verfahrenen Situation wieder herausfinden könnten. Dann kam auch noch die Nachricht, dass einer der beiden Sänger und Lead-Gitarrist nicht mehr mitmachen würde. Mindestens genauso unverhofft und plötzlich kam dann aber sofort eine musikalische Antwort, die sich sehen – und hören lassen kann: Ein neuer Song, aufgenommen zu dritt, der dermaßen frisch, transparent klingt und einfach so viel in sich vereint, dass man als Zuhörer, der ihn sich wieder und wieder anhören muss, fast versucht ist zu sagen: So konzentriert haben die lunatics eigentlich noch nie gespielt! Disguise ist wie das statement eines Neuanfangs. Deshalb lasse ich hier alles Frühere jetzt auch weg und konzentriere mich auf das, was ich tun möchte: Nur diesen Song beschreiben. Disguise beginnt mit einem Klaviermuster, das unvermittelt eine rastlose Bewegung anstimmt. Diese knappe zweiteilige, aus Frage und Antwort bestehende Klavierfigur ist eingängig und rhythmisch drängend, aber zugleich beunruhigend dadurch, dass sie für den Hörer nicht eindeutig zu entziffern ist, als ob sie sich irgendwie selbst ein Bein stellte. Jedenfalls ist sie die Mikrozelle des ganzen, übrigens nicht sehr langen, sehr kompakten Songs. Der Song hat drei Teile, die ungleich lang sind. Phase Eins: Die Stimme hat am Anfang etwas Halliges, wie aus dem Kaugummiautomaten, ziemlich sachlich. Der Song läuft gleich ab. Bei 1:39 kippt die Stimme nach oben, jetzt beginnt die Phase Zwei. Der Übergang ist etwas überlappend, der Hörer kommt gar nicht mit, so plötzlich und schnell geht das alles. Und doch läuft alles wie am Schnürchen, als könnte es gar nicht anders sein, das macht das Ganze von Anfang an so zwingend.Dieser Teil besteht nur aus dem Refrain „And I know I´m a fool in your eyes, a looser-in-disguise“, der ein einziges Mal wiederholt wird, und anstatt jetzt das neue Material auszubreiten, kommt gleich der nächste Schnitt. Diese Art von Verknappung wird später noch einmal angewandt, sie ist es, die im Hörer Überraschung und Atemlosigkeit hervorruft. Bei 1:57 beginnt ein kurzes Zwischenspiel, eine kurze Pause: „Wie soll es jetzt weitergehen?“ ... keine vocals, ein 3-gegen-2-punktiertes, ungeduldiges Auf-der-Stelle-Stehen des Basses. Dieses Zwischenspiel mündet bei 2:12 scheinbar in eine Coda. Mit „And I know I´m a fool in your eyes“ scheint das Ich eine resignierende Bilanz zu ziehen, der Song ist wohl gleich zu Ende... Die Bewegung hält nun beinahe ganz ein. Nur das Klavier verfolgt die Stimme und macht ein ganz eigenes kurzes, sehr jazziges Statement. Die Stimme ist jetzt ganz anders als am Anfang, jetzt ist sie klar, warm, geläutert, sehr persönlich (Gegenteil vom Megaphonklang am Anfang). Bei 2:29 setzt der Bass wie zu einer Abschlussformel an. Aber für ihn ist noch lange nicht Schluss. Man sieht förmlich den Bassisten die anderen Musiker fragen: „Machen wir jetzt Schluss oder fangen wir erst richtig an?“ Das Klavier zögert mit der Antwort keine Sekunde und eröffnet mit dem Rückgriff auf das Klaviermotiv vom Anfang, das jetzt aber vereinfacht erscheint, Phase Drei. Als hätte es genau auf diese Frage gewartet, lässt es komplett unangekündigt bei: 2:31 den ganzen Song kippen. Der stürzt jetzt – kontrolliert – nach vorn und nimmt den früheren Drive wieder auf, aber diesmal mit strahlender, positiver Kraft. Und nun passiert das, was ich bereits früher meinte mit „Verknappung des Materials“: In einem gängigen Pop-Song würde die Phrase „I don´t know what I´ve been dreaming“ mindestens einmal wiederholt, hier aber hat der Hörer gar keine Zeit, sich in den neuen Sound des kurzen melancholischen Traums überhaupt einzuhören, da kippt der Song weiter in unerahnte Gefilde. Der Boden unter dem Traum wird einfach ausgetauscht. Der große Moment passiert bei 2:48: Der Grundton der Molltonart wird jetzt zur Terz der neuen Durtonart, die jetzt strahlt wie eine vor sechs Uhr morgens aufgehende Sommersonne nach kurzer Nacht. „I don´t know what I´ve been dreaming“. Es ist der Moment der Befreiung von dem Vorwurf, ein Looser zu sein. Lösung: Es war nur ein Traum, und den schüttele ich ab mit der Kraft, die mir 2:48 genial zufliegt und die ich doch nur in mir selber finden kann! Es geht jetzt nur noch ab. Bei 3:21 noch einmal eine chorische Überhöhung: Die Steigerung geht noch einmal weiter, ohne aber zu dick aufzutragen. Das Schlagzeug ist wie ein eingesperrter Panther, der wütend ist, dass er nicht singen darf. Der Bass hält alles im Zaum. Überhaupt, das Schlagzeug! Am Anfang finde ich, es tut etwas zu viel, ist übereifrig, weniger wäre mehr! Aber bald verstehe ich, hier steckt eine unbändige Kraft, die zurückgehalten wird, die sich nicht genug auslassen kann, und die dem Song in jeder Mikrosekunde rhythmische Power untermischt, ihn pausenlos nach vorn treibt. Wie der von Rilke in seinem unsterblichen Gedicht beschriebene Panther, dessen geschmeidige Kraft noch durch die Gitterstäbe seines Käfigs hervorblitzt:
Rainer Maria Rilke: Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Lunatics, meine Bitte an euch ist ganz einfach: Bitte lasst den Moment 2:48 nie zu Ende gehen!

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