Maisel´s Weisse

Für den vergangenen Freitag war ich schon seit langem bei einem Freund zum Geburtstag eingeladen gewesen. Mein Erscheinen dort hatte ich von Anfang an als unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich meinem Freund gegenüber außer Aussicht gestellt, aber dennoch erschien ich. Denn sowohl meine Reise nach Hanoi war der gegenwärtig über die Welt gekommenen sogenannten Pandemie zum Opfer gefallen, wie auch die Reise in die beinahe gemeinsame Heimat mit dem anderen Freund geplatzt war, die ich diesem (älteren) Freund gegenüber mit Verweis auf die anstehende und nicht zu verschiebende Vietnamreise ebenfalls als kaum mögliche angezeigt hatte damals. Damals ist ein Wort, das in diesen Tagen häufig und übrigens zu Recht häufig und meist mit besonderer Betonung ausgesprochen wird. Denn die sogenannte Pandemie hat mit ihren Begleiterscheinungen, hinter denen sie sich dermaßen geschickt zu verstecken weiß, dass ihre tatsächliche Existenz als überhaupt fragwürdig, wenn nicht verschwörungstheoretisch oder aber mythisch sogar verklärt wird oder erscheint, die Geschichte in ein Davor und Danach unterteilt, und es ist bedeutsam an dieser Scheidung, dass das Davor nichts von dem Danach gewusst hatte (auch wenn heute Viele von Zeichen raunen, die niemand zu lesen willens gewesen sei), während das Danach täglich in Tränen darüber ausbricht, dass am Davor beinahe alles besser und schöner gewesen sei als an ihm selber. Denkt man heute an die Gespräche zurück, die wir vor kaum einem halben Jahr am Sylvesterabend in einer geschützten und gepflegten Bar am Krakauer Rynek ausgetauscht haben, so müssen wir im nächsten Satz bekennen, dass damals ja noch alles anders gewesen sei, dass, wenn wir damals gewusst hätten, was kaum zwei Monate später über uns einbrechen würde, wir ganz und gar anders gehandelt, gefühlt und geredet hätten, so, als bedauerten wir heute, dass wir damals nicht viel unbeschwerter gehandelt hatten. Jedenfalls, und der Redner hielt hier effektvoll inne, um genüsslich an seiner Zigarre zu ziehen: Jedenfalls hatte ich damals dem ersten Freund, der mich zum Geburtstag in Berlin eingeladen hatte, nicht eröffnet, dass ich neben dem Verhinderungsgrund meiner Hanoireise noch einen zweiten Verhinderungsgrund hatte, nämlich die Reise an den Niederrhein mit jenem älteren Freund aus Geldern. Aus der gemeinsamen Berliner Lebensumgebung heraus waren wir in Erzählungen über den Niederrhein immer als Nachbarn (im Geiste) erschienen, während wir selber wussten, dass zwischen unseren Heimatorten in Geldern und Brüggen himmelweite Unterschiede lagen, die von Berlin aus freilich sich ineinander melangierten, weshalb es uns immer unbedingt lohnenswert erschienen war, einmal gemeinsam in die sogenannte Heimat zu reisen und diese scheinbare Gemeinsamkeit einer Prüfung vor Ort zu unterziehen. Diese Ersatzreise hatte ich allerdings dem Geburtstagskind, das ein Westfale ist, nicht eröffnen wollen, und zwar aus mehreren Gründen nicht. Nun kam es aber eben so, dass die Hanoireise wegen des Einreiseverbots abgesagt wurde und dass der Gelderner Freund mit Hinweis auf seine bereits über achtzig jährigen Eltern von dem Gedanken einer gemeinsamen Reise zurücktrat, und ich also doch am vergangenen Freitag mit dem Fahrrad aufbrechen konnte, den Geburtstagsfreund mit meinem Besuch zu beehren. Lange Rede, kurzer Sinn bzw.: Was ich eigentlich sagen wollte… Meine das Gespräch am Tisch mit zwei mir bis dahin und sicherlich auch zukünftig wieder überwiegend unbekannten jüngeren Damen, einer Polin namen Joanna und einer Portugiesin namens Maria, eröffnende Erzählung war die völlig ungeplante von meinem Trinkerlebnis am Abend zuvor gewesen. Ich hatte nämlich mit einem Freund bei lauer Abendstimmung bei mir zu Hause vier Flaschen meiner Lieblingsmarke fränkischen Bieres getrunken gehabt, wir waren äußerst guter Dinge gewesen und hatten auch noch eine Flasche Wein beim Essen geleert. Am anderen Morgen hatte ich die Terrasse aufgeräumt, als ich die am Vorabend geleerten Flaschen als alkoholfreie Getränke erkannt hatte, und die Überraschung darüber konnte ich in mir selbst so wenig verarbeiten, dass ich sie erst, als ich sie am Tisch in lustiger Geburtstagsrunde zum Besten gab, in ihrer Tragweite ermessen konnte. Diese sich nun vor mir eröffnende Tragweite hatte ich durch mehrere Flasche Augustinerbräu zu füllen, und so verlief der Abend, wie man sich in etwa denken kann. Worauf ich immer wieder pochte, so erinnere ich mich, war die Tatsache, dass ich in Unkenntnis der alkoholfreien Natur meines Biers dieses genoss, als sei es alkoholgeschwängert. An keinerlei Geschmacksverminderung konnte ich mich erinnern, im Gegenteil, ich hatte jenem (übrigens aus Braunschweig beheimateten) Freund sogar mehrfach das Versprechen abgerungen, dass es sich bei meinem fränkischen Lieblingsbier um den höchsten Biergenuss handelte, ein Versprechen, das dieser Braunschweiger Freund gern und ohne Umschweife bereit gewesen war zu geben. Und heute, da ich am Abend eine einem eben erst gekauften Kasten entnommene Flasche jenes Bieres öffne und probiere, schaue ich argwöhnisch auf das Etikett, aber das hatte ich schon im Getränkeladen mehrmals getan und mich immer wieder versichert, dass es nicht die alkoholfreie, sondern die geliebte und einzig gültige ORIGINAL-Variante meines Lieblingsbiers war, die ich kaufen würde. Es schmeckte mir an diesem Abend aber gar nicht wie erwartet, es fehlte der Geist, jene dem Bier so eigene Überheblichkeit, die uns an jedem Feierabend immer wieder zugreifen lässt. – Dieses Rätsel aber will ich nun auf sich beruhen lassen, so wie es uns mit den meisten der Rätsel widerfährt, die sich allabendlich vor uns auftun.

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